9. November – Gedenken

Der 9. November ist der Tag, an dem die Stolpersteine in Dresden und anderswo aus dem Alltag herausgehoben und mit besonderem Leben erfüllt werden. Durch eine kurze und zurückhaltende Zeremonie.

Stolpersteine? Das sind die kleinen Messingplatten im Fußweg, die ein Künstler seit 1992 in ganz Europa verlegt. Sie erinnern an die Menschen, die zwischen 1933 und 1945 umkamen, weil andere Menschen sie ideologisch ins Visier nahmen und zu Feinden erklärten. (Vgl. wikipedia)

Stolpersteine putzen. Blumen niederlegen, Kerzen anzünden. Die Biographien derer vorlesen, die verfolgt und getötet wurden.

„Es waren unsere Nachbarn…“

Ungefährer Zeitplan für Stolpersteine in der Nachbarschaft der Hufewiesen
am Donnerstag, 9.11.2017:

17:30 Uhr – Trachenberger Platz (Trachenberger Str. 23),
Stolpersteine für Rosa und Walter Steinhart

17:45 Uhr – Hans-Sachs-Straße 27,
Stolperstein für Heinz-Martin Wendisch

17:55 Uhr – Rückertstraße 12,
Stolperstein für Erich-Kurt Mosberg

18:05 Uhr – Volkersdorfer Straße 3,
Stolperstein für Albert Hensel

Still werden, innehalten, eine kleine Pause zum Nachfühlen und Nachdenken.
Gemeinsam.

Es waren unsere Nachbarn

9. November. Wir erinnern an die Menschen, die in unserer Nachbarschaft vom Nazi-Regime verfolgt wurden. Ab 18 Uhr gehen wir von Stolperstein zu Stolperstein in Mickten und Trachenberge. Wir säubern das Messing und erzählen aus dem Leben von Menschen, die auch wir hätten sein können.

Es ist ein nachdenklicher und zugleich würdevoller Spaziergang. Er ruft Ereignisse wach, die man nicht leicht begreift. Die aber zu unserer Nachbarschaft gehören.

cropped-stolper_header

Gerne gemeinsam. Gerne weitersagen.

Wir besuchen:

Volkersdorfer Straße 3: Albert Hensel

Großenhainer Straße 194: Helga Margot Grünewald

Hans-Sachs-Straße 27: Heinz Wendisch

Rückertstraße 12: Erich Mosberg

Trachenberger Straße 23: Rosa Steinhart und Walter Steinhart

Weinbergstraße 40: Barbara Kühnert und Edith Kühnert

Außerdem gibt es in Pieschen noch:

Leipziger Straße 72: Kurt Schlosser

Von der Kraft des Innehaltens – 9. November 2014

Der Verein Hufewiesen Trachau hat sich in diesem Jahr erstmals an dem Jahrestag des 9. November 1938 zum Gedenken an die Opfer der Verfolgungen während des „Dritten Reiches“ beteiligt. Wir besuchten die Stolpersteine für die Familie Steinhart am Trachenberger Platz und für Hans Martin Wendisch in der Hans-Sachs-Straße. Unsere Beweggründe dafür sind in unserer Einladung an die Mitglieder des Ortsbeirates Pieschen zu dem Gedenken erläutert. Wir danken den Menschen im Verein Stolpersteine für Dresden für die Anregung und für die Organisation!

Ein Abend im November. Dunkel und kalt. Kaum jemand auf der Straße.

Doch. Da vor dem Haus. Ein kleines Windlicht auf dem Trottoir. Ein Kreis von Menschen. Beim Näherkommen wird deutlich: Da liegen auch Blumen. Neben einer kleinen Messingplatte, die ins Pflaster eingelassen ist. Darauf eingeritzt Namen, Orte, Datumsangaben. „Ermordet“. „Verschollen in Riga.“

Windlicht. Blumen. Fotografien als Brücken in die Zeit damals. Stolperstein für Hans Martin Wendisch in der als Ginko-Allee gestalteten Hans-Sachs-Straße.

Windlicht. Blumen. Fotografien als Brücken in die Zeit damals. Stolperstein für Hans Martin Wendisch in der als Ginko-Allee gestalteten Hans-Sachs-Straße.

Es war nur eine kurze Zeremonie. Ich war vor allem aus Pflichtgefühl hingegangen. Witzelte mit, als es darum ging, mit welchem Hausmittel sich die Stolpersteine am besten polieren ließen.

Und dann, nachdem die Lebensläufe noch einmal verlesen worden waren, als wir einfach dastanden, still, da geschah etwas. Wie ja so oft das eigentlich Wichtige in den kleinen Pausen des Lebens geschieht.

Der Alltag im November 1938 war gar nicht so verschieden von dem Alltag im November 2014. Ab 1942 dann allerdings schon. Die Zeitungen voll von Todesanzeigen für Gefallene. Lebensmittel rationiert. Alle mobilisiert. Fliegeralarm. Wer hat da noch Gedanken übrig für die Nachbarn, die das Geschäft verkaufen mußten und die Arbeit verloren haben, die jetzt auch aus der eigenen Wohnung raus sollen und ins „Judenhaus“ umziehen? Später wird von einem Transport in Güterwaggons gemunkelt. Mehr weiß man nicht. Die eigenen Sorgen drängen.

Dabei braucht es nur ein paar Minuten der Stille. Da die Alltagssorgen einmal beiseite bleiben, erholt sich das Herz, faltet sich auf. Kann empfindsam werden für den Menschen nebenan. Die Gewichte in der Wahrnehmung verschieben sich.

Es entsteht Raum für eine Einsicht:

Nicht im Durchkommen liegt das Heil.
Kein Weg führt zu einer Welt ohne Schrecken.
Es bleibt nur eins zu tun: den Schrecken aufheben. Von Mensch zu Mensch. Jetzt.

So einfach. Und nur so: von Mensch zu Mensch, jetzt.

Windlicht in einer Novembernacht.
Innehalten.
Kraft.